caspar 2


published by all/FMP in 2004

It is a second version of solo doublebass program ‘caspar’, based on the story of Kaspar Hauser. The starting point of Helma Schleif, the producer of former producer of FMP was to release a reedition of the 2001 Caspar, published by Solponticello, Athens, GA USA. After debating the possibilities, Bernd Krüger from Harmonie und Rhythmus/Scoop Music/BMG publishing company, initiatied the collaboration with The company and his own edition. At this point it was interresting to launch a new version of Caspar.
I have to say that I was really happy about the possibility to reformulate the story and the work effective in composition and interpretation towards a very short noticed release date. I was often asked which one would be better one, but I think they are really different. So please listen yourself.

For the recording and specially for the fmp cd I adopted a dogma system: I recorded the composition without having a break through, so like playing live, I used two slightly different microphones and didn’t manipulate the sound or cut iside the recording.

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Merz/Musik I
Der 1969 in Bozen geborene und in Berlin lebende Kontrabassist Klaus Janek macht es sich mit seiner zweiten Veröffentlichung, CASPAR², alles andere als leicht. Er geht das Wagnis ein, Musik für Solo-Kontrabass einzuspielen und stellt sich damit einerseits in eine Reihe mit Meistern wie William Parker, Barry Guy und dem viel zu früh verstorbenen Peter Kowald; andererseits setzt er sich dem möglichen Vorurteil aus, ´monotone´ oder ´langweilige´ Musik zu produzieren. “Eine Stunde nur Kontrabass – wer will das schon hören!” – “Nach spätestens 32 Takten Kontrabass-Solo fange ich an, Berechnungen bezüglich meines Bankkontos anzustellen” (so ähnlich kürzlich ein ´renommierter´ Kritiker des ´renommiertesten´ amerikanischen Jazzmagazins!). Auch das Subjekt, von dem Janek sich inspirieren ließ, taugt nicht für leichte Kost – Kaspar Hauser.
Das geheimnisvolle Findelkind taucht wie aus dem Nichts am Pfingstmontag des Jahres 1828 in Nürnberg auf, sich mühsam und täppisch bewegend, kaum der Sprache mächtig. Die Reaktion der Umwelt schwankt zwischen der Sensationslüsternheit an der Jahrmarkstattraktion und redlichem Bemühen, dieses unglückliche, wilde Kind zu einem den Normen der Gesellschaft entsprechenden Menschen zu formen. Bald werden Spekulationen laut, Hauser sei ein Betrüger, anderes weist auf adlige Abstammung hin, eins schält sich aber als Gewissheit heraus: Dieser junge Mann war von frühester Kindheit an in völliger Isolation eingekerkert – spätere Forschung findet interessante Indizien, dass dies seinen Grund in einer unerwünschten Erbfolge gehabt haben könnte. Im Oktober 1829 wird ein erster Attentatsversuch auf ihn unternommen, im Dezember 1833 schließlicht erliegt er den Dolchstößen eines unbekannten Mörders. Dieses tragische und so flüchtige Schicksal war immer Gegenstand vielfältigen Interesses und trat wieder verstärkt ins Bewusstsein in der Folge der Rezeption von Peter Handkes Theaterstück ´Kaspar´ aus dem Jahre 1968.
Janek hat sich nun die Aufgabe gestellt, Aspekte dieses Menschenlebens nachzuzeichnen, aber nicht in der naiven Manier illustrativer Programmmusik. Schon Beethoven war sich der Gefahren dieser musikalischen Vorgehensweise bewusst und betonte, die Musik seiner 6. Symphonie, der Pastorale, sei “mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei”. Janek geht es ebenfalls nicht um die Darstellung von Zuständen, sondern um die hochsensible Skizzierung seelischer Befindlichkeiten. Die nahezu ausschließlich pizzicato gespielten ´First Years´ vermitteln einen Eindruck der Unschuld und Unbeschwertheit frühkindlichen Lebens, die auch Kaspar Hauser für kurze Zeit gekannt haben mag, ´Arriving in the Box´, der Beginn der Einkerkerung, ein irrlichterndes Stück aus rasenden Läufen, harschen Mehrfachgriffen, mit der linken Hand zum Pizzicato angerissenen und auf das Griffbrett knallenden Saiten, fahlen Ponticello-Klängen und menschlichen Klagelauten lassen die Angst, die Panik dieses Menschenkindes erahnen, die es befallen mussten bei Ankunft in dem Kerker, der es 16 Jahre lang einschließen sollte. Das sich schwer wie Blei dahinschleppende ´One Day out of 16 Years´ lässt den Hörer erschauern ob der qualvollen Klaustrophobie, der schier niemals enden wollenden Qual ewiger Repetition, von Janek mit Hilfe obsessiver Klangfiguren eindrücklichst dargestellt. Es folgt das nach meiner Meinung gelungenste Stück des Recitals, ´Free´. Wie mag dieser junge Mann in seiner Situation Freiheit erlebt haben? Doch wohl in völliger Desorientierung, in Verwirrung angesichts einer Welt, die er nicht verstehen kann, ja die auch wir nicht verstehen können. Die Flut der Reize muss ihn förmlich erschlagen haben. Und genau hier setzt Janek an: In der wahnwitzigen Polyphonie dieses Stücks ist zunächst keine Orientierung möglich, alles ist in rasender Bewegung, oben und unten zugleich, sich atemlos überstürzend – und nun das Wunder, wie es diesem jungen Virtuosen gelingt, in diesem Gewirr allmählich Spuren sichtbar werden zu lassen, Fenster aufscheinen zu lassen, dies Kaspar (und uns) tatsächlich ermöglichen, Halt zu finden, geheimnisvoll Vertrautes zu entdecken, Zugang zu finden wie nach intensiver Beschäftigung mit einem komplexen abstrakten Kunstwerk – und ein ebensolches hat Janek ja geschaffen! Das beim ersten Hören vielleicht unmittelbar anrührendste Stück ist wohl `Last Menuet´. Ein Menuett, ein heiterer höfischer Tanz für Kaspar Hauser? Oh ja, denn wie bewegend gelingt es Janek hier in seinem doppelbödigen, heiter-traurigen ´Last Menuet´, das dieser Unglückliche auf der Welt tanzt, Kaspars unbeholfene Art, sich zu bewegen, zu reflektieren und den Jammer dieser irdischen Existenz. Der ´Epilogue´ schließt den Kreis dieses Menschenlebens. Auf vielfältige Art und Weise stellt Janek hier Bezugspunkte zu ´First Years´ her. Der musikalisch-motivische Verlauf weist Parallelen zu diesem Stück auf, die Janek aber subtil variiert. Das Leben, das hier seine Vollendung findet, hat Spuren hinterlassen.
Auf dem Weg zur Meisterschaft der oben genannten Bassvirtuosen hat der junge Janek noch das eine oder andere Stück zurückzulegen. Doch schon jetzt verblüfft er durch stupende Virtuosität, die stets Mittel zu höherem musikalischem Zweck bleibt. Man kann es kaum glauben, dass die Aufnahmen, die auch durch hervorragende, natürliche und präsente Klangqualität bestechen, ohne Mehrspurtechnik, ohne Schnitte entstanden.
Ich hörte das Recital zum ersten Mal, ohne den Booklet-Text gelesen zu haben und ohne auch nur die Titel der einzelnen Stücke zu kennen. Doch Janeks Musik rührte mich zutiefst an, ich ´verstand´ sie sofort, trotz ihrer Komplexität. Sensible Hörer werden spüren, dass diese Musik etwas schon in ihnen Angelegtes oder Vorhandenes anspricht. Gehen Sie das Wagnis ein und erleben Sie diesen großen Wurf mit Ihren Sinnen! Sie werden reich belohnt werden.
Die Edition, die auch optisch ein Genuss ist, erschien auf dem feinen, von Helma Schleif in Berlin herausgegebenen a/l/l-Label, einer Division von FMP Free Music Production Distribution & Communication. Glücklicherweise gibt es noch solch couragierte Produzent(inn)en, die Künstlern wie Janek ein Forum bieten und uns Hörern Musik solch hoher Qualität zugänglich machen.

© Werner Merz (werner.merz@web.de)